Einfach nur ehrlich sein
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???: Wieviel wurde denn tatsächlich gerannt? Die Rede ist von einer dreistelligen Kilometerzahl.
Franka Potente: Ach, so viel! Dann hätte ich mich wohl besser nach Kilometern bezahlen lassen sollen. Ich weiß tatsächlich nicht, wieviel ich gelaufen bin. Aber in aller Regel waren die Strecken zwischen 300 und 600 Metern lang. Ich denke mal, daß an einigen Drehtagen acht Kilometer der Normalfall waren. ???: Und braucht man viel Training, um das dann zu schaffen? Franka Potente: Es geht. Ich habe ja schon vorher ein bißchen gejoggt, weil wir zuvor in einer Gegend gedreht haben, wo die Luft so gut war. Das hat dann auch Spaß gemacht. Ich habe sogar eine Zeitlang mit dem Rauchen aufgehört. Aber eigentlich hasse ich Joggen und Rennen. Früher in der Schule diese Wettrennen auf der Tartanbahn, die Bundesjugendspiele. Ich habe es immer nur bis zur Siegerurkunde geschafft. Naja, ich wollte halt nur ein bißchen Kondition haben. Dann habe ich noch probiert, wie der Rennstil von Lola aussehen könnte und merkte dann, daß es einfach aufgeht. ???: Wieviel Gewicht verliert man in einem Film, wo man pausenlos rennen muß? Franka Potente: Eigentlich nix. Ich habe natürlich auch erst gedacht, jetzt kommt richtig was runter. Aber das waren höchstens ein bis zwei Kilo. Also soweit ich das gemerkt habe, wandelt sich das alles um in Muskelmasse. Das ist aber auch in Ordnung, sonst schlackert ja ständig das Kostüm. ???: Gibt es denn spezielle Ernährungspläne? Franka Potente: Eigentlich nicht. An den Tagen, wo ich viel zu rennen hatte, da habe ich eher wenig gegessen. Mit vollem Magen wäre das Pensum auch nicht zu schaffen gewesen. Und sonst habe ich ganz normal gegessen. ???: Die Nase ist also nicht gestrichen voll vom Rennen? Franka Potente: Nein, das wäre übertrieben. So schlimm war es ja auch nicht. Klar, manchmal hatte ich Muskelkater oder war auch kaputt, aber beklagen kann ich mich wirklich nicht. ???: Die Presse überschlägt sich mal wieder: Franka Potente ist das neue aufregende Gesicht im deutschen Kino. Wie sieht man das selbst?
Franka Potente: Habe ich mir auch schon Gedanken drüber gemacht. Also ich sage immer: Ich freue mich darüber, aber es ist mir nicht so wichtig. Ich meine das ganz ehrlich, weiß aber nicht genau, ob man das nicht auch als Koketterie falsch verstehen kann. ???: Ja. Franka Potente: Naja, es passiert so vieles, was aber nichts mit meinem Beruf als Schauspielerin zu tun hat. Jetzt im Moment bin ich doch eher Promoterin und mache Werbung für meinen neuen Film. Und das hat doch eigentlich mit Schauspielerei nichts zu tun. Ich mache es gern, aber meine eigentliche Ambition liegt in der Arbeit. Und alles andere ist nur sekundär. Ich weiß natürlich auch, daß es Leute gibt, bei denen das genau andersrum läuft. Vielleicht sind sie ja deswegen nur Schauspieler geworden. Jedenfalls habe ich manchmal den Eindruck, daß die Leute mir nicht glauben, daß der Rummel für mich nur zweitrangig ist. ???: Wie etwa? Franka Potente: Ja, irgendwann stand mal in einer Zeitung was von arrogant über mich. Und prompt mußte meine arme Mutter, die in einer Arztpraxis arbeitet, sich von den Kolleginnen dumme Bemerkungen anhören. Und insofern weiß ich wohl, wie gut das andere, die positive Berichterstattung tut. ???: Das läßt sich denken. Aber im Wesentlichen sind doch wirklich alle glücklich mit Franka Potente. Franka Potente: Naja, hoffentlich bleibt das mal so. Aber ich glaube, ich tue auch was dafür. Ich weiß ja nicht, wie meine Kollegen so im Umgang mit Presse sind. Ich kann nur von mir aus sagen, ich versuche einfach nur ehrlich zu sein. Und ich versuche nicht eitel zu sein. Ich mag das nicht, wenn ich das sehe. Auch nicht auf der Leinwand. Wenn etwas so künstlich ist, das kann ich nicht haben. Ich weiß auch, manchmal schafft man es halt nicht, daß man nicht künstlich ist. Es gibt Situationen, die kann man nur spielen. Aber in aller Regel bemühe ich mich, nicht künstlich zu sein. ???: Wie setzt man das in der Arbeit um? In dem Thriller Opernball" spielten Sie eine Journalistin, eine traditionell klischeeebeladene Rolle. Franka Potente: Es war schwierig. Ich weiß noch, wie ich gedacht habe, du darfst jetzt nicht das Klischee spielen. Also, so pseudo-agil und ganz gewieft. Das wollte ich nicht. Da habe ich mich eher schon an meine Schülerzeitungszeit erinnert, und ein paar Journalisten kannte ich ja auch schon. Wesentlich war wohl, die Rolle nicht größer zu machen als sie ist. ???: Gibt es Rezepte für die Vorbereitung? Oder fliegt alles einfach so zu?
Franka Potente: Nein, ich muß mich auch vorbereiten. Aber eigentlich muß man das alles auch wieder vergessen können. Mein Vorbild ist ja Meryl Streep. Und wenn ich deren Filme sehe, die Frau ist ja immer anders. Die geht anders, spricht anders. Da steckt echt harte Arbeit hinter, die man aber nicht sieht. Und das möchte ich halt irgendwann mal schaffen. Aber das ist noch ein langer Weg. Halb so gut zu sein, das würde ich schon gerne werden. ???: Die Karriere fing mit Nach fünf im Urwald" und damit gleich mit einer Hauptrolle an. Wie ist das, wenn alles gleich auf einen gerichtet ist? Franka Potente: Schön, denn ich will den Schauspieljob doch machen. Und deswegen ist es doch toll, wenn ich ganz viele Drehtage habe, um eine Rolle zu entwickeln und den Film dann tragen zu können. Das will ich doch. Ich sage nicht, daß ich jetzt nur noch Hauptrollen spielen will. Aber es ist toll, wenn man sagen kann, jetzt habe ich heute das ganze Team nur für mich. Raum, Zeit, Freiheit - mit dem Regisseur und mit den Partnern. Es ist alles da. Und je mehr da ist, desto mehr kann man auch an einer Rolle arbeiten und ihr mitgeben. Und das ist doch klasse. ???: Wieviel Einfluß hat man aufs Timing? Ein Jahr ohne Franka Potente, und plötzlich kommen zwei Filme fast zeitgleich in die Kinos. Franka Potente: Das ist Zufall, da kann man nichts machen. Ich habe Bin ich schön?" mit Doris Dörrie vor zehn Monaten gedreht und jetzt kommt der Film einen knappen Monat nach Lola rennt" in die Kinos. Das ist schade, aber nicht zu ändern. Vor allem, weil danach erst mal wieder Ruhe ist. Ich habe nichts mehr zum Nachlegen. Ich drehe erst im September wieder und dieser Film wird dann wohl erst nächstes Jahr um diese Zeit herauskommen. ???: Was wird das dann sein? Franka Potente: Das Projekt heißt Schlaraffenland" und wie bei Opernball" wird wieder Heiner Lauterbach mein Partner sein. ???: Welche Rolle spielen Sie dabei? Franka Potente: Ich spiele eine Frau, die eine Ausbildung als Polizistin gemacht hat, aber sich nicht so richtig dazu berufen fühlt. Sie hätte genausogut studieren können. Und nun hat sie diesen Schreibtischjob. Sie hat zwar auch Schießen und Nahkampf gelernt, aber eigentlich klar, daß sie nie in die Lage kommen wird, wo sie das anwenden muß. Und dann passiert es eben doch, in einem Einkaufszentrum kommt es zur Geiselnahme und sie muß handeln. Es geht um extrem großen körperlichen und seelischen Druck, und das hat mich interessiert. ???: Klingt ja fast, als würden Sie jetzt zur etatmäßigen Action-Darstellerin. Franka Potente: Naja, aber zur Zeit nehmen Jürgen Tarrach und ich richtigen Taek-won Do Unterricht dafür. Heiner Lauterbach muß sich nicht mit uns auf der Matte wälzen. Der trainiert mit Nanchooks, diesen beiden Stöcken, die mit einer Kette verbunden sind. ???: Und wer wird Regie führen? Franka Potente: Friedemann Fromm, er hat auch das Drehbuch geschrieben zusammen mit seinem Bruder. Das machen die wohl immer so. Also das ist ein ganz Ernsthafter. Wenn der hören würde, wie oft aus meinem Mund das Wort Äktschn-Film" schon rausgekommen ist, also da kriegt der die Krise. Der sieht den Stoff schon auch als einen sozialkritischen Film. Und in Bezug auf meine Rolle, da gibt es Erwachsene und Kinder und die treffen aufeinander. Es gibt Krieg und es gibt eine Frau, die sitzt zwischen den Fronten. Und das bin dann ich. ???: Drei Mädels von der Tankstelle" wird wohl der einsame Karrieretiefpunkt bleiben. Wie ist die Erfahrung, mit einem an sich renommierten Regisseur zu arbeiten und dann geht alles den Bach runter? Franka Potente: Na gut, ein Risiko ist immer da. Aber man kann schon Dinge herausfinden, indem man immer wieder nachhakt, über die Dinge redet, Erklärungen fordert. ???: Und man lernt auch dazu?
Franka Potente: Ich glaube, ich bin wirklich vorsichtig geworden. Wenn ich bei Peter Bringmann damals das Vokabular gehabt hätte, um genauer nachzufragen, dann wäre vielleicht doch einiges anders gewesen. Ich kann gar nicht erklären, wie fürchterlich die Erfahrung dieses Films war. Man muß sich das vorstellen, daß es einem körperlich und psychisch richtig schlecht geht und du denkst ständig dabei: Alte, du bist selber dran schuld. Das ist das Schlimmste; und bis du dich davon endlich befreit hast. Sicher hat es dazu beigetragen, daß ich die letzten zehn Monate kategorisch alles abgelehnt habe. Vielleicht hat es mich auch zu mißtrauisch gemacht. Aber vielleicht ist das besser, als zu schnell ja zu sagen. Vermutlich muß ich in dem Punkt auch einfach nur wieder relaxter werden. Aber das hat auch mit Erfahrung zu tun. Daß man mal einen Film macht, der vielleicht nicht sein mußte, in dem man aber trotzdem einen guten Eindruck hinterläßt. ???: Naja, immerhin haben Sie durch die Drei Mädels" keinen Schaden genommen. Franka Potente: Ja, Schwein gehabt. Aber wie gesagt, manchmal muß man eben einfach was wagen. Und wenn man das Glück hat und sich richtig entschieden hat, dann kann das auch eine richtige Kraft freisetzen. ???: Der Schauspieler lebt ja nicht vom Kino allein. Welche Angebote gibt es denn vom Fernsehen so? Franka Potente: Von Serien höre ich grundsätzlich nichts. Das ist eine Vereinbarung mit meiner Agentur. Da wird alles abgeblockt. ???: Warum? Franka Potente: Ich glaube nicht, daß ich mich auch nur im Ansatz verwirklichen kann in irgendwelchen Serien. Dabei meine ich jetzt nicht Vier- oder Sechsteiler, sondern lang, lang, lang. Und abgesehen davon, daß ich es total nervig finde, mit den immerselben Leuten ein Jahr lang an einem Fließband zu arbeiten, da bewege ich mich auch persönlich nicht weiter. Die Vorstellung, daß ich interessante Angebote bekomme und mir sind die Hände gebunden, das ist doch fürchterlich. ???: Es muß ja auch nicht unbedingt eine billige Seifenoper fürs Tagesprogramm sein. Es wäre ja auch eine spannende Variante zu Akte X" oder eine Polizistin für Eurocops" über 20 Folgen denkbar. Franka Potente: Also da wäre ich skeptisch. Einmal wäre ich mißtrauisch, weil ich ja nicht alle 20 Drehbücher auf Anhieb vorliegen hätte. Oft sind auch unterschiedliche Regisseure am Werk, wo nicht gesagt ist, ob man mit denen auch klarkommt. Und außerdem würde mir das Festgelegtsein nicht gefallen. Nehmen wir doch nur mal die beiden Tatort"-Kommissare aus München. Die sind wirklich klasse, aber letztlich sind sie nichts anderes als die beiden Tatort"-Kommissare. Oder? Und das möchte ich halt einfach nicht sein; jedenfalls jetzt noch nicht. |